Wie gehe ich mit schweigenden Patienten um?

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Schweigen - eine schweigende Frau

Wovon man nicht reden kann, darüber muss man schweigen.Ludwig Wittgenstein

„In den Stunden entsteht immer wieder ein beklemmendes Schweigen. Was kann das heißen, und was kann ich tun?“

„Mein Patient schweigt oft die ganze Stunde über, und reagiert nicht auf meine Interventionen, oder immer nur so, dass ein kurzer Wortwechsel entsteht.“

Solche oder ähnliche Beschreibungen höre ich gelegentlich in meinen Supervisionen.

Die Frage einer Nutzerin des onlinesupervisors, wie sie mit einem schweigenden Patienten umgehen könnte, möchte ich jetzt zum Anlass nehmen, dazu einige Gedanken zu formulieren.

Verschiedene Formen und Aspekte des Schweigens

Mit dem Schweigen beschäftigen sich die verschiedensten wissenschaftlichen Disziplinen. Es handelt sich offenbar um ein Phänomen, das aus unterschiedlichen Perspektiven betrachtet, mit vielfältigen Bedeutungen belegt und zum Anlass eingehender Untersuchungen genommen werden kann. Literatur, Religion, Psychologie, Mystik, Soziologie, Geschichtswissenschaft, Medizin… die Reihe der Disziplinen ließe sich noch verlängern.

Dabei sind sich die meisten einig, dass das Schweigen als ein kommunikatives Phänomen aufzufassen ist, und sehr unterschiedliche Botschaften beinhaltet, und Umstände signalisiert, in denen es auftritt. Als Ausnahmen gelten hier das Schweigen als Ausdruck physischer Krankheit bzw. Behinderung – Stummheit sowie (mit gewissen Einschränkungen) das Schweigen als Ausdruck psychischen und hirnorganischen Krankseins (Mutismus).

Ich habe einmal eine kleine, assoziative Sammlung unterschiedlicher Formen und Aspekte des Schweigens zusammengetragen, die mir aus meiner Arbeit mit schweigenden Patienten bisher begegnet sind.

  • Schweigen als Mitteilung – Wortlose Kommunikation
  • Schweigen als Widerstand
  • Schweigen als Sprachlosigkeit, wenn es um Erfahrungen geht, die vor dem Spracherwerb liegen.
  • Anlass für Missverständnisse
  • Schweigen über etwas – geheim halten
  • Verschweigen von etwas – Es aus der Welt schaffen
  • Schweigen als Vermeidung von Konfrontation und Isolation
  • Anschweigen – als Ausdruck einer passiv-aggressiven Auseinandersetzung
  • Ausdruck von Ohnmacht – ohnmächtiges Schweigen
  • Schweigen als Ausübung von Macht – manipulatives Schweigen, Strafen mit Schweigen
  • peinliches Schweigen – die Gegenwart der Scham in der Beziehung
  • nachdenkliches Schweigen – Unterbrechen des Redeflusses als nachdenkliche Pause
  • Schweigen als Inszenierung eines Traumas – das Verstummen
  • Schweigen als Manifestation bzw. Inszenierung des Erlittenen – Mundtot gemacht werden
  • Schweigen und Vergessen – Reden und Erinnern

Die Frage, die sich uns jedoch stellt, ist ja, wie wir mit schweigenden Patienten umgehen können. Was die eingehenden Überlegungen dabei bereits nahe legen ist, dass es sich um ein Phänomen handelt, das nicht nach „Schema F“ behandelt werden kann. Es wäre auch viel zu schade, die Zusammenhänge, die Details des Schweigens in jedem einzelnen Fall unerforscht zu lassen.

Was uns Psychotherapeut*innen sicherlich schwer daran fällt, ist der Umstand, dass es sich in fast jedem Fall um etwas zu Erforschendes handelt, bei dem wir unser Gegenüber, die oder den Schweigenden, zunächst nur sehr begrenzt aktiv in die Forschung einbeziehen können. Das gilt jedenfalls, wenn wir davon ausgehen, dass Verbalisierung der Ausdruck dieser Aktivität ist, die wir in der Psychotherapie gewohnt sind, zum Mittelpunkt unseres therapeutischen Wirkens zu machen.

Die Körpertherapien, die nicht- oder vorsprachlichen Therapieformen, haben es da schon leichter. Sie sind nicht per se darauf angewiesen, dass die Patient*innen sprechen, sondern sie haben einen Zugang zum Menschen, der oft auch ohne Sprache funktioniert.

In meinem Beitrag „Szenisches Verstehen – wenn Worte nicht reichen, um zu erfahren, was vor sich geht“ beschreibe ich den theoretischen Hintergrund eines Phänomens, das auch auf schweigende Patienten zutrifft. Sie teilen uns etwas mit, das sich für sie (noch) nicht in Worte fassen lässt. Der Kontakt, der dadurch entsteht, ist nur ungleich schwieriger, als wenn wir uns der Sprache bedienen könnten.

Schweigen in der Gesprächstherapie – von der Schwierigkeit, miteinander in Kontakt zu kommen und zu bleiben

Das häufigste Problem, was wir mir schweigenden Patient*innen haben, ist aus meiner Sicht das der Verunsicherung, die in uns entsteht, wenn die Patientin länger als gewöhnlich schweigt, oder der Patient im Laufe der Therapie zunehmend wortkarger wird, und dann ganz verstummt, zum Teil über lange Phasen einer Stunde, ganze Stunden oder sogar mehrere Stunden, Wochen bis hin zu Monaten weitgehend schweigend in den Sitzungen verweilt.

Der Umstand, dass diese Patient*innen jedoch weiterhin zu den Sitzungen kommen, lässt erahnen, dass es sich dabei um ein wort- bzw. sprachloses, kommunikatives Geschehen geht, das es zu entschlüsseln, zu verstehen gilt, damit wir einen konstruktiven Umgang damit finden.

Ich kann mir kaum vorstellen, dass es einen Weg gibt, um verstehend mit dem Schweigen des/der Patient*in umzugehen, als nun zunächst einmal für sich selbst ins Nachdenken zu kommen, um die Reflexion über das Geschehene und mögliche Bezüge zum Schweigen in Gang zu bringen. Das setzt die Introspektion des/der Therapeut*in und einen Prozess des Assoziierens in Gang, der so gut es geht immer wieder auch versucht, den Patienten oder die Patient*in mit einzubeziehen, anzuregen, sich an der Erforschung des Schweigens zu beteiligen.

Doch das ist nicht ganz so leicht, denn die ganze Angelegenheit ist auch und nicht zuletzt ein affektives Geschehen, und eine emotionale Belastungsprobe.

Biografische Hintergründe für den Umgang mit Schweigen

Ehe wir uns versehen, sind wir im Dschungel nicht-sprachlicher Kommunikation mit den Fallstricken dessen konfrontiert, was in uns selbst an Erfahrungen im Umgang mit Schweigen wohnt.

Wie oft habe ich schon von Patient*innen gehört: „Zur Strafe hat meine Mutter drei Wochen lang nicht mit mir geredet.“ oder „Wenn ich etwas falsch gemacht hatte, konfrontierten mich meine Eltern mit eisigem Schweigen.“ Genauso häufig kehrt das Schweigen als Element der elterlichen Beziehungsmuster wieder: „Meine Eltern haben nie richtig miteinander gesprochen.“

Warum sollte es uns Psychotherapeut*innen anders gehen als unseren Patient*innen? Auch bei uns folgt die Häufigkeit von Neurosen der gleichen Verteilung wie in der Gesamtbevölkerung. Die Wahrscheinlichkeit ist also hoch, dass wir in uns selbst auf vertraute Muster stoßen, wenn wir uns mit unseren Patient*innen auseinandersetzen.

Wohl denjenigen, die sich damit bereits in einer fundierten und eingehenden Selbsterfahrung auseinandergesetzt haben.

Sind Sie in dieser glücklichen Lage? Dann wird es Ihnen leichter gelingen, diesen Teil Ihrer selbst mit dem Schweigen Ihrer Patient*in mitschwingen zu lassen. Diese psychische Korrespondenz, die zumeist emotional tief verankert ist, verhilft uns zu einem Zugang zu möglichen, seelischen Hintergründen der Patient*in, ohne dass wir diese nun unsererseits leugnen oder anderweitig abwehren müssen, oder „ins Agieren“ kommen, also beginnen, aus den Anstößen heraus, die das Schweigen des/der Patient*in in uns auslöst, zu handeln.

Dieser reflektierte Umgang mit dem, was wir Analytiker*innen Übertragung und Gegenübertragung nennen, erleichtert es uns, die schwierigen Teile der Kommunikation genauso zum Gegenstand unserer Aufmerksamkeit werden zu lassen, um das, was sich im Schweigen unserer Patient*innen mitteilt, entschlüsseln und gemeinsam mit ihnen in Worte fassen zu können.

Was meine ich damit? Es lässt sich vielleicht am besten anhand eines Fallbeispiels erläutern.

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