Kleine Häppchen, bitte! Langzeit-Therapie im Zeitalter von WhatsApp?

Langzeit-therapie im sms-zeitalter

Langzeittherapie oder Kurzzeittherapie: Was macht Sinn für Ihre Patienten im WhatsApp-Zeitalter? Lohnt sich eine Investition in die Zeit, die eine Entwicklung innerhalb einer Langzeittherapie benötigt?

Und was mache ich jetzt damit?

Frau M., eine 28jährige Psychotherapie-Patientin, fragt mich das regelmäßig nach ca. 20 Minuten.

Eine gute Frage an einen Psychoanalytiker… Kaum dass wir miteinander sprechen, wirkt sie unruhig bis nervös. Gelegentlich greift sie gedankenverloren in ihre Tasche, als wolle sie ihr Smartphone zücken. Mein Angebot einer tiefenpsychologischen Langzeittherapie, nachdem wir uns ein Bild von ihren Beschwerden gemacht hatten, und deren Ursachen deutlicher erkannten, irritiert sie zunächst.

Sie gehört zur „Generation Y“ der nach 1984 Geborenen, denen man nachsagt, dass sie über eine kurze Aufmerksamkeitsspanne verfügen. Sie ist mit SMS, Twitter, Facebook und anderen digitalen Formaten groß geworden. Meistens heißt es da: „Am besten fassen Sie sich kurz“.

Sie lebt im Zeitalter der ADHS – der „Entdeckung“ der Aufmerksamkeits-Defizit-Hyperaktivitäts-Störung. Diese Diagnose erlebt eine Inflation im Diagnosebaukasten der Ärzt*innen.

In Online-Community-Threads heißt es nur:

tl;dr – too long, didn’t read.

Kleine Häppchen, bitte!

Frau M. wirkt schnell unruhig und angespannt, sobald in den Stunden ein etwas entspannteres, langsameres Tempo entsteht. Ihre Frage „Und, was mache ich jetzt damit?“ drängt auf eine Antwort, mit der sich das, was gerade Thema ist, „erledigen“ lassen könnte.

Sie möchte rasch erfassen, begreifen, verstehen. Ihr Wissensdrang hat sie in ihrem Beruf sehr erfolgreich gemacht. Sie entwirft Micro Learning Angebote für große Unternehmen. Deren Mitarbeiter lernen in Mikro-Lerneinheiten und kurzen Schritten.

Doch offenbar ist bei ihr etwas auf der Strecke geblieben. Seit einigen Monaten klagt sie über Schlafstörungen und Nervosität.

Die Folge: sie schiebt Aufgaben vor sich her, sie „prokrastiniert“. Der dadurch entstehende Druck wurde immer größer. Später kam sie mit der Verdachtsdiagnose „Burnout“ in meine Sprechstunde. Diese Diagnose hatte ihr ermöglicht, sich überhaupt auf eine Psychotherapie einzulassen. Von mir wollte sie wissen, was mit ihr los ist.

Langzeittherapie – vom Wissensdrang zum Aushalten von „Nicht-Wissen“

In unseren probatorischen Sitzungen irritierte sie vor allem, dass ich „so wenig sage, so wenig anbiete“. Aber sie blieb neugierig:

„Mir hat auch lange niemand mehr so aufmerksam zugehört.“

Es war für sie unvorstellbar, aushalten zu können, etwas nicht zu wissen, ohne sofort hektisch nach Erklärungen und Lösungen zu suchen. Für sie ist ein Therapeut jemand, der Erklärungen gibt. Sie hatte auch überlegt, ob ein Coaching nicht geeigneter für sie wäre.

Ihre Vorstellung von Lösungsorientierheit schien so gar nicht zu meinem Angebot zu passen. „Sie sind mir zu problemorientiert“. Das hatte sie zu Anfang noch in meiner psychotherapeutischen Sprechstunde gemeint.

Wenn da nicht ihre Erfahrung aus einer Kurzzeit-Psychotherapie gewesen wäre, mit der sich vor einem Jahr ihre Angst vor großen Menschenmengen auflösen ließ.

Glücklich über den raschen Erfolg, hatte sie sich schnell wieder an die Arbeit begeben. Mit neuem Elan hielt sie wieder Vorträge und Präsentationen am laufenden Band und vor großem Publikum. Ihre Angst davor hatte damals ihre Karriere gefährdet.

Doch einige Zeit nach der Therapie hatte sie bemerkt, dass sie immer schlechter schlief. Morgens war sie antriebslos und zugleich nervös. Enttäuscht musste sie feststellen, dass zwar ihre Angst nicht mehr auftrat, aber offenbar andere Symptome an deren Stelle getreten waren.

Dass ich ihr nicht direkt sagen konnte, was das ist, machte sie im Erstgespräch ratlos und verärgert zugleich. Mein Angebot, das in einer gemeinsamen, psychotherapeutischen Arbeit herauszufinden, ließ sie jedoch „irgendwie“ hoffen, dass es nicht noch einmal zu einer solchen Enttäuschung kommen würde, wie nach der Kurzzeit-Therapie.

Sie ließ sich auf eine tiefenpsychologische Langzeittherapie ein, ohne eigentlich zu wissen, was sie erwartete:

„Ich hätte nicht gedacht, dass es in den ersten Stunden schon so intensiv werden würde.“

Damit reagierte sie halb verunsichert, halb angerührt darauf, dass sich da jemand offenbar mehr Zeit mit ihr nehmen wollte.

Beziehungsarbeit vs. Skills-Training – was will ich für mich erreichen?

In psychoanalytisch begründeten Therapieverfahren gilt als wichtiger Grundsatz „Arbeiten in der Beziehung – an der Beziehung“.

Wissensvermittlung, Training von Fertigkeiten und aktives Verändern von Denkmustern treten in den Hintergrund. Stattdessen gibt es Raum, Zeit und „Not Knowing“ – Nicht-Wissen. Zeit zum Zuhören, zum geduldigen, offenen Nachfragen, ohne vorschnell Antworten oder Ideen parat zu haben. Die entstehen erst, sobald ich ein Gefühl dafür habe, worum es eigentlich geht. Das ist jedoch nicht immer das, was vordergründig vorgetragen wird.

Vielleicht haben wir Menschen zwei Ohren, aber nur einen Mund, damit wir doppelt so viel zuhören können. Unbekannter Autor

Zuhören und offenes Fragen gehören zur Grundausstattung jedes Psychotherapeuten. Doch die Bereitschaft, sich auf einen Entwicklungsprozess einzulassen, der von einer vertrauensvollen Beziehung getragen wird, muss oft erst entstehen. Wenn Fragen offen bleiben, macht die Unsicherheit oft Angst.

Das gilt nicht nur für Patient*innen. Auch Psychotherapeut*innen tun sich damit oft schwer. Für diese Unsicherheit die nötige Gelassenheit – oder auch Resilienz – zu entwickeln, lernen Patient*innen häufig erst, wenn auch ihr*e Therapeut*in sich darauf versteht.

Dabei geht es nicht nur um die Beziehung zueinander im Gespräch, sondern auch um die Beziehung zu sich selbst. Wie gehe ich mit mir um? Was verlange ich vom Leben, von mir und meinen eigenen Lebens-Entwürfen?

Das gilt für Therapie und Beratung gleichermaßen. So begegne ich in Vorgesprächen mit Supervisions-Klient*innen oft dem Wunsch, lösungsorientiert statt problemorientiert zu arbeiten. Wenn es dann gelingt, miteinander über diese Erwartung ins Gespräch zu kommen, wird meistens  „lösungsorientiert“ mit „schnell“, und „problemorientiert“ mit „langatmig“ und „sich im Kreis drehen“ assoziiert.

Doch es gibt auch einen gegenläufigen Trend. Die Sehnsucht danach, „endlich einmal Zeit zu haben, um in Ruhe miteinander nachdenken zu können, was eigentlich los ist“, wächst.

Fassen Sie sich kurz – Unzufriedenheit im Minuten-Takt

In einer psychiatrischen Praxis begegnete mir als Vertreter der Inhaberin dieses Elend hautnah. Sowohl ich – als behandelnder Arzt – als auch meine Patient*innen litten unter dem Zeit-Takt, der durch den Andrang im Wartezimmer bestimmt wurde.

Wenn ich mit meiner Arbeit fertig werden wollte, musste ich spätestens nach fünf Minuten auf den Punkt kommen – besser noch: schon die nächste Patient*in im Behandlungszimmer nebenan begrüßen.

Nicht nur ich kam mir wie am Fließband vor.

Ein Kollege brachte es auf den Punkt: „Wir machen Psycho-SMS – Kurznachrichten für schwer seelisch Kranke“. Und quittierte nach einigen Jahren völlig frustriert seinen Dienst in einer gut laufenden, aber eben auch aufzehrenden Praxis, die ihn in eine Erschöpfungs-Depression getrieben hatte.

Achtung. Dieser Beitrag enthält über 1200 Worte! Ein langer Text, der Ihre durchschnittliche Aufmerksamkeitsspanne bei weitem übersteigt

Laut Edy Portmann, Forscher an der Universität Berkeley, ist die durchschnittliche Aufmerksamkeitsspanne eines Internetnutzers von 12 Minuten im Jahr 2002 auf nurmehr fünf Sekunden im Jahr 2012 gesunken. Eine dramatische Entwicklung. Sie illustriert einen Trend, der sich in unzähligen Beispielen nicht nur für Internet-Nutzer erkennen lässt.

Langzeittherapie scheint unzeitgemäß – so wie lange Texte. Beides wirkt langatmig, problemorientiert, verweigert sich schnellen Antworten und ist auf Lese- respektive Entwicklungsprozesse angelegt, die Zeit benötigen – manchmal lange Zeit.

Ein Plädoyer für die Langatmigkeit

Doch Langzeittherapie bietet auch eine Alternative zur „Psycho-SMS“, zu kurzatmigen Schnelldiagnosen. Sie sucht nicht nach raschen Lösungen, deren Nachhaltigkeitsbeweis die Therapeut*in innerhalb der Kurzzeittherapie oft nicht antreten muss, weil sie längst schon nicht mehr „an Bord“ ist.

Das Beziehungsangebot, das in der  tiefenpsychologischen oder psychoanalytischen Langzeittherapie gemacht wird, bedeutet auch, dass man sich mit Enttäuschungen auseinandersetzen muss, die zwangsläufig auftreten.

Sobald deutlich wird, dass sich eingeschliffene Gewohnheiten, tief verankerte Muster und unbewusste Phänomene immer wieder hartnäckig durchsetzen, beginnt oft erst das, was in einer frühen Schrift Sigmund Freuds mit „Erinnern, Wiederholen und Durcharbeiten“ treffend beschrieben ist: ein Entwicklungsprozess, der einen langen Atem braucht. Da muss man sich auf einen längeren Prozess einlassen, und sich durcharbeiten.

Aber warum soll ICH mich darauf einlassen? Was habe ich davon?

Frau M. fragt in ihren Therapiesitzungen immer wieder: „Und was mache ICH jetzt damit?“ Mittlerweile erkennt sie, dass diese Frage eine aufkommende Unsicherheit signalisiert, die ihr Angst macht. Sie schmunzelt, sobald es ihr auffällt.

Selbstironisch fragt Sie dann manchmal:

„Und was macht das jetzt mit mir?“

Dann beginnt sie, sich näher mit inneren Verfassungen zu beschäftigen, die nach einer raschen Beruhigung drängen. Dass ich mich als ihr Therapeut zurückhalte, statt ihrem Drängen auf eine Antwort nachzugeben, hatte sie zunächst ungeduldig und ärgerlich, später neugierig gemacht. Es ist eine neue, befremdliche Erfahrung.

Lernen gelingt besser durch Erfahrung

Psychotherapie, die sich Zeit lässt, ist mehr oder weniger Eines gemeinsam: Es geht darum, aus der Erfahrung zu lernen, weniger um den Geistesblitz. Was als Aha-Moment oder „Jetzt hab’ ich’s verstanden“ erscheint, ist bei näherem Hinsehen meistens das Ergebnis eines längeren Reifungsprozesses.

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