Ambiguitätstoleranz: Als Psychotherapeut mit Unsicherheit leben

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Ambiguitätstoleranz - Unsicherheit aushalten

In Zeiten großer Unsicherheit suchen Menschen Halt und Orientierung. Das gilt sowohl in persönlichen Beziehungen als auch in gesellschaftlichen Entwicklungen – und in Psychotherapien.

Wir tun uns dann oft schwer damit, etwas nicht zu wissen, keine Antwort parat zu haben. Wir haben eine schlechte Ambiguitätstoleranz.

Was das heißt, wofür Ambiguitätstoleranz gut ist, und wie sie sich lernen lässt, erfahren Sie in diesem Beitrag.

Wovon hängt der Umgang mit Unsicherheit ab?

Wie jemand auf verunsichernde Erfahrung reagiert, hängt unter anderem von seiner inneren Haltung ab, die er dazu einnehmen kann. Diese Haltung kommt meiner Erfahrung nach auch in der Wahl des Psychotherapie-Verfahrens zum Ausdruck.

Je weniger jemand mit der eigenen Unsicherheit in therapeutischen Prozessen umgehen kann, desto aktiver wird er in seinen Behandlungen als Psychotherapeut sein.

Er wird ein dazu passendes Psychotherapie-Verfahren wählen, das aktive Handlungsanweisungen gibt, Übungen anbietet und Skills trainiert.

Wichtig ist auch, in welcher Beziehung er zu anderen steht, und ob er sich trotz dieser Unsicherheit mit Anderen verbunden fühlen kann. Darüber schreibe ich in meinem Beitrag „Die vier W’s: kreative Selbstwirksamkeit für Psychotherapeuten“.

Krisen und Konflikte führen schnell zu Polarisierungen in „Wer hat Recht – wer hat Unrecht“. Das bietet tolle Gelegenheiten für Besserwisserei. Die ist aber oft einfach aus einer Not geboren.

Einfache Lösungen haben eine hohe Suggestivkraft, dass alles wieder gut werden kann. Wenn man nur daran glaubt…

Wie können wir lernen, mit Unsicherheit zu leben – und zu arbeiten?

Die Zeitschrift „Psychologie Heute“ titelte 2012 mit „Die große Ratlosigkeit – Lernen, mit Unsicherheit zu leben“.

In ihrem Leitartikel „Weil es so oft anders kommt: Die Kunst, mit Unsicherheit zu leben“ fanden sich Ratschläge, wie der Suche nach vermeintlicher Sicherheit zu widerstehen ist.

Die Autorin Ursula Nuber empfiehlt:

  • Kontrollillusionen aufzugeben
  • den eigenen Denkstil zu ändern
  • die Grenzen des eigenen Wissens anzuerkennen
  • nicht dem Schwarz-Weiß-Denken zu verfallen
  • nicht der Versuchung zu erliegen, blind Expertenrat zu folgen, um den Risiken des Daseins zu entkommen.

Sie führt zudem als eine der Möglichkeiten, mit Unsicherheit zu leben, ein Konzept an, das von der Psychoanalytikerin Else Frenkel-Brunswik entwickelt wurde.

Diesem Konzept will ich jetzt weiter nachgehen.

Die Ambiguitätstoleranz

Frenkel-Brunswik befasst sich mit der Schwierigkeit, Mehrdeutigkeiten zu ertragen, und beschreibt

Ambiguitätstoleranz als Fähigkeit, die Widersprüchlickeit gegensätzlicher Sachverhalte auszuhalten, und sich durch Perspektivenwechsel in die Sichtweise anderer Menschen hineinversetzen zu können.

Sie stellte die Unfähigkeit zur Ambiguitätstoleranz in die Nähe der Ablehnung des Fremden resp. fremder Kulturen.

Zugleich beschreibt sie in ihren sozialpsychologischen Studien bereits 1949 das „Schwarz-Weiß-Denken“ als eine der Ausdrucksformen der Intoleranz von Ambiguität.

Damit beschreibt sie ein verführerisches Phänomen, das der Bewältigung komplexer Sachverhalte dienen soll, letztlich jedoch nur Vereinfachungen herstellt, und damit das eigene Unbehagen  vertreibt, sich unsicher zu sein.

Dieses Schwarz-Weiß-Denken ist Psychotherapeuten auch als Denkmodus von Menschen bekannt, die unter frühen Störungen der Persönlichkeitsentwicklung leiden.

Um uns mit den Gegensätzlichkeiten verschiedener Kulturen, Haltungen und Einstellungen auf einer Ebene der gegenseitigen Offenheit auseinanderzusetzen, müssen wir versuchen, Schwarz-Weiß-Denken („das ist gut – das ist schlecht“) zu überwinden.

Damit können wir auch der vermeintlichen Sicherheit in der Abschottung gegenüber Andersdenkenden entkommen.

Die „negative Fähigkeit“ – Unsicherheit aushalten

Eine der seelischen Kompetenzen, die uns helfen können, Unsicherheit auch unter Spannung und Stress auszuhalten, beschreibt die Psychoanalyse als „negative Fähigkeit“. Sie folgt damit der Sprache des wichtigsten englischen Dichters der Romantik, John Keats. 

So stellt Wilfred R. Bion dem letzten Kapitel von „Aufmerksamkeit und Deutung“ ein Zitat von Keats voran:

Negative Fähigkeit hat jemand, der zwischen Unsicherheiten, Geheimnissen und Zweifeln ausharren kann, ohne sich zu einer erregten Suche nach Fakten und Gründen gedrängt zu fühlen. (Übers. d. Autors)

In der analytischen Psychotherapie steht diese Fähigkeit als eine mögliche Grundhaltung im Mittelpunkt.

Mit diese Grundhaltung wendet sich ein Psychoanalytiker in gleichschwebender Aufmerksamkeit den freien Assoziationen seines Patienten zu.

Was Nuber in ihrem Leitartikel als „die Grenzen des eigenen Wissens anerkennen“ umschreibt, findet sich auch im „Nicht-Wissen“ Wilfred R. Bions wieder. Er gilt als einer der großen Theoretiker der Psychoanalyse.

Dieses Nicht-Wissen kann in Verbindung mit der offenen Aufmerksamkeit der „negativen Fähigkeit“, die zunächst einmal nicht auswählt, was wichtig und richtig ist, einen Prozess des Nachdenkens ermöglichen, der innerhalb kurzer Zeit sehr dynamisch wird.

Selbst in einer einzigen Psychotherapie-Stunde kann so zum Beispiel deutlich werden, was im Fokus der Aufmerksamkeit stehen muss… und das ist oftmals nicht das, was wir zu Beginn der Stunde denken.

It is that which we do know which is the great hindrance to our learning, not that which we do not know.Claude Bernard

Eben genau dieses „Ich weiß eh‘ schon, worum es geht“ erweist sich bei schwierigen Fragestellungen als gravierendes Hindernis. Es wäre also sehr wünschenswert, möglichst oft mit einer grundsätzlich offenen Haltung ins Gespräch zu gehen.

Doch wie lässt sich nun diese Ambiguitätstoleranz erwerben?

Damit kommen wir wieder zum Ausgangspunkt dieses Artikels.

Eine offene Haltung setzt voraus, dass wir lernen, mit der Unsicherheit des „Nicht-Wissens“ umzugehen

Wir müssen etwas von der negativen Fähigkeit in uns bewahren, selbst wenn alles nach schnellen Lösungen drängt, nach Halt und Orientierung gebenden Fakten ruft und etwas „auf den Punkt“ bringen will.

Wenn Sie sich in dieser Haltung üben, werden Sie mit Widerstand und Neid rechnen müssen.

Denn wenn jemand zeigt, dass er dazu in der Lage ist, Unsicherheit auszuhalten, dann hat er denjenigen, die nach schneller Sicherheit suchen, immer etwas voraus.

Wie sich diese Haltung des Nicht-Wissens üben lässt?

  1. Versuchen Sie einmal, sich in der Arbeit mit einem Patienten vollständig darauf zu beschränken, Fragen zu stellen, statt Einschätzungen zu geben oder Ratschläge zu erteilen
  2. Schauen Sie dabei in einem ersten Schritt darauf, wie Sie selbst sich fühlen, an welchen Stellen Sie sich gedrängt fühlen, etwas zu sagen, ein Statement abzugeben.
  3. Beachten Sie in einem zweiten Schritt, welche Reaktion Sie bei Ihrem Patienten erkennen können. Wenn Sie bei ihm Unsicherheit und Angst spüren, sprechen Sie ihn darauf an. Beschränken Sie sich dabei wiederum auf Fragen. Das soll Ihren Patienten dazu anleiten, seine eigene Unsicherheit zu erforschen, und dadurch besser kennenzulernen.
  4. Achten Sie nun darauf, wann Sie auf Verhaltensweisen Ihres Patienten mit eigenen Aktivitäten (Bemerkungen, Lächeln, Nicken etc.) reagieren. Fragen Sie sich im Nachhinein
    1. was für eine andere Reaktion möglich gewesen wäre
    2. was geschehen wäre, wenn Sie sich einer Reaktion enthalten hätten
  5. Schauen Sie nach der Stunde anhand eines Protokolls, ob Sie erkennen können, wo Ihr Gespräch einen anderen Verlauf dadurch genommen hat, dass Sie etwas gesagt haben.
    1. Sind Sie mit dem Ergebnis zufrieden?
    2. Hätten Sie sich gewünscht, noch einen Moment gewartet zu haben
    3. Was hat Sie gedrängt, zu handeln (d.h. etwas zu sagen, etc. siehe oben).

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